August 19, 2021

2021-08 durchs Piemont nach Cardano al Campo

Ich habe gut geschlafen und ein typisches italienisches Frühstück bekommen – nichts außer Süßkram. Das geht auch mal.

Dann mach ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Platz für meinen längst überfälligen Fahrradservice und finde ihn – ein Idealfall. Ich schütte meine Werkzeugtasche aus und mache es mir auf dem Boden gemütlich. Leider dauert dieser gemütliche Aufenthalt nicht lange, denn als ich das Gehäuse des Kettenspanners öffne, wird schnell klar, daß ich mir aus einem Forum genau den richtigen Tip geholt habe: trocken aber rostig sieht drinnen, obwohl es mit einem Gummiring abgedichtet war. Ein Fahrrad ist eben nicht dafür gemacht, einen halben Meter in Wasser oder Matsch eingetaucht zu werden. Ein paar tropfen Öl und schon bewegt der Kettenspanner wieder munter sein Gelenk. Jetzt schnell noch einmal die Schaltung nachjustiert und das Rad ist wieder in bestem Zustand.

Das erste Mal seit dem Start der Tour bin ich restlos glücklich und zufrieden. Das fehlende Zelt wird ab jetzt keine Rolle mehr spielen und ich werde mich bis zum Zusammentreffen mit Elke mit klimatisierten Hotelzimmern inklusive Frühstück begnügen.

Ich wollte nie Teil einer Tour sein, die sich dadurch auszeichnet, weder Material noch Gesundheit zu schonen und in der Gewissheit fühle ich mich nicht mehr auf der Flucht vor den French Divide. Gestern erreichte mich die Nachricht, daß einer der vier deutschen Teilnehmer, Jürgen, ein erfahrener Mountainbiker bei einem Sturz einen Hüftbruch erlitten hat. Wir trafen uns noch am zweiten Checkpoint und sprachen über die Gefahren insbesondere in diesem Jahr. Es tut mir sehr leid, aber das sind aus wahrscheinlichkeitstheorethischer Sicht die Folgen mit denen auch ich hätte erwarten dürfen. Ich habe Glück gehabt – Jürgen nicht. Ich bin bereits geheilt – Jürgen wird wohl dieses Jahr nicht mehr auf’s Rad kommen. Es tut mir sehr leid für ihn und ich wünsche ihm Alles Gute !

Ich radel befreit und so aufmerksam wie noch nie auf dieser Tour den Rest des Aostatals hinunter. Es ist ein sehr schönes Tal, das von den höchsten Bergen des Alpenhauptkamms hinunter ins Piomont führt. Es ist wie Südtirol eine automome Region und man merkt hier den Einfluss des Französischen. Alle Gemeindenamen sind französisch, aber anders als in Südtirol sind die Namen nicht ins italienische übersetzt. Um Frankreich endgültig hinter sich zu lassen, muss ich also heraus aus dem Aostatal. Zum Abschluss scheint ein mächtiger Felsen meine „Flucht“ erschweren zu wollen, aber es führt doch ein Weg um ihn herum.

Flucht bezieht sich nur auf das unangenehme Tour-Event. Frankreich ist ein schönes und abwechslungsreiches Land, voll freundlicher Menschen und es wert wieder beradelt zu werden. Aber das nächste Mal auf die bewährte Weise, die zusätzlich mit dem Mountainbike um Ausflüge in die, mit dem Tourenrad nicht zugänglichen Bereiche erweitert werden kann. Dort dann hier und einmal sein Zelt aufzuschlagen, das ist meine Idee von einem Modewort: Bikepaking.

Ich lasse Turin selbstverständlich aus und komme durch Ivrea und danac sehe ich aber noch einen Teil des Piemonts. Bevor es in die endlosen Weiten der Poebene übergeht, führt mich der Weg durch sanft hügelige Weinregionen. Wieder einmal treffe ich hier auf die Via Francigena und die Zahl der Wanderer und Radtourer nimmt zu.

Ich möchte heute die Gegend oberhalb Mailands erreichen, um Morgen mit Elke einen Treffpunkt an einem der schönen Bergseen verabreden zu können. Noch am Nachmittag entscheiden wir uns für den Comer See.

Gemütlich radel ich den Rest der Strecke ab und lege bei der Hitze zwei kleine Bierpäuschen ein. Im Gegensatz zu Frankreich ist hier in jedem kleinen Nest eine Bar oder ein Alimentari zu finden, wodurch die Versorgung gesichert ist.

Der Tag endet für mich wie geplant komfortabel in einem Hotel in Cardano al Campo, nahe dem Mailänder Flughafen Malpensa.

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